Ich fuhr mal wieder mit dem Bus von der Arbeit nach Hause. Es war fast 21 Uhr und außer einer jungen Frau saß niemand im Bus. Aus Langeweile betrachtete ich sie während der einstündigen Fahrt genauer. Es kam nicht oft vor, dass jemand um die Uhrzeit im Bus saß und so betrachtete ich es als nette Abwechslung. Sie war nicht gerade groß, trug einen schwarzen Mantel und hatte sich einen Wollschal um den Hals gewickelt, der das Gesicht halb verdeckte. Das einzig richtige was man zu dieser Jahreszeit tun konnte, sonst holte man sich noch den Tod, oder zumindest eine kräftige Erkältung. Der Bus holperte über die Schlaglöcher und ich merkte, dass wir uns in Richtung Endstation bewegten. Die Anzeige zeigte zwei verbleibende Haltestellen an. Doch der Bus fuhr einfach durch. Dann musste sie wohl an der gleichen Haltestelle aussteigen wie ich.
Rumpelnd kam der Bus zum stehen und es gab einen zischenden Laut, während die Türen aufglitten. Ich wünschte dem Fahrer noch eine angenehme Nacht und trat nach draußen in die kalte Sternenklare Nacht. Der Boden knirschte unter meinen Sicherheitsschuhen und ich ging ein Stück. Ich bemerkte jedoch, dass der Bus nicht weiter fuhr, also drehte ich mich um und sah die junge Frau in der Tür des Busses stehen und wie sie zu mir hinüber blickte. Ich ging zurück und fragte sie “Kann ich Ihnen helfen?” sie nickte stumm. Ich legte ihr meinen Arm zwischen ihren Armen hindurch um ihre Schulter und hob sie auf den Bürgersteig.
Wir befanden uns mitten in einer Vorstadtsiedlung. Keines der Fenster war mehr erleuchtet. Hier pflegte man früh zu Bett zu gehen und in weiter Ferne hörte man einen Hund, dessen Bellen von den Häusern wiederhallte.
Ich merkte schon, dass die junge Frau seltsam war. Ich ging wieder einen Schritt und fragte sie, “Wo müssen Sie denn hin? Vielleicht können wir ein Stück des Weges zusammen gehen?!” sie wollte einen Schritt zurück treten, doch sie stolperte Plötzlich. Ich machte einen Satz und fing sie auf, bevor sie auf das Pflaster aufschlug. Dabei verrutschte ihr Schal und ein Stück silbernes Klebeband wurde Sichtbar. Ich schaute in ihre Augen und sah Angst. Langsam zog ich den Rest des Schals zur Seite und sah, dass ihr kompletter Mund mit diesem Klebeband zugeklebt war. Ich lachte leise auf, “Ach so, deshalb konnten Sie nicht mit mir reden”. Ich amüsierte mich Königlich und sah ihre Verwirrung in den Augen. Langsam stellte ich sie wieder hin. Anscheinend waren ihre Beine auch in ihrer Funktion eingeschränkt, sonst wäre sie nicht umgefallen.
Ich legte ihr den Schal wieder um den Hals und verdeckte das Klebeband damit. Dankbar sah sie mich an. “Nun, da ich davon ausgehe, dass Sie eventuell Hilfe gebrauchen können, werde ich Sie einfach nach Hause begleiten” Darauf schüttelte sie heftig den Kopf. “Was halten Sie davon, wenn ich in mein Auto steige und einmal kräftig die Hupe drücke? Dann haben Sie nicht nur mich bei sich”. Ich lachte wieder und sie schüttelte mit Angsterfüllten Augen den Kopf. “Gut, dann sind wir uns ja einig. Gehen Sie einfach, ich laufe neben Ihnen her” sie setzte sich langsam mit kleinen Tippelschritten in Bewegung. Unser Weg führte uns aus der Siedlung raus aufs Land. Immer wieder blieb sie stehen um zu verschnaufen und so kamen wir nur langsam voran. Unter einer Laterne machten wir Halt und sie lehnte sich mit ihrem Kopf an die Laterne. Lange betrachtete ich sie, wie ihr Atem weiße Wölkchen bildete.
